(AUSWANDERUNG.) Hausbesichtigung

Wir kaufen eine Villa in Nordjylland

(Dänische Bezeichnung für Einfamilienhaus)

Mitte März war es dann endlich soweit. Wir machten uns auf den Weg Richtung Nordjütland um die ausgewählten Häuser zu begutachten und – mit Glück – unser zukünftiges Zuhause zu finden.

Auf dem Plan standen zwei Besichtigungen. Einmal das Maklerhaus in Pandrup und zum zweiten das Haus der deutschen Familie welches ich bei Kleinanzeigen gefunden hatte.

Wir waren mittlerweile nicht mehr auf Mietkauf angewiesen, weil wir uns zum einen schon entschieden hatten, wenn Dänemark, dann bleiben wir auch dort. Zum anderen hatte unsere Hausbank uns ein Darlehen in Höhe von 50.000 Euro mündlich zugesichert. Somit konnten wir, zusammen mit unseren vorhandenen Rücklagen, auch Häuser besichtigen, die eine Kaufsumme in Höhe unserer Möglichkeiten hatten. Und das waren bei weitem mehr, als ich gedacht hatte.

Dennoch haben es nur zwei Immobilien in die engere Wahl geschafft. Denn wir wollten unbedingt etwas im Bungalowstil haben, weil altersgerecht. Die meisten Häuser haben mehrere Ebenen, so dass sie von vornherein nicht in Frage kamen.

Der einzige Makler, mit dem ich eine angeregte Kommunikation führte, hatte für uns einen Termin zur Besichtigung des Hauses am Samstagnachmittag organisiert. Kein so leichtes Unterfangen wie ich anfangs dachte, denn den Dänen ist ihr Wochenende eigentlich heilig. Trotzdem erklärte sich eine seiner Mitarbeiterinnen bereit, ein Treffen vor Ort durchzuführen.

Wir hatten uns in dieses Objekt noch mehr verliebt als in das Haus, welches ich zuerst gefunden hatte. Nicht zuletzt weil es einen Kamin und einen Wintergarten hatte. Beides unsere Wunschträume seit vielen Jahren.

Überzeugt von unserem Entschluss hatte ich gleich einen Termin bei einer Käuferanwältin in Padborg für den Tag unserer Rückreise gebucht. Diese sollte den Vertrag prüfen und uns bei der Auswanderung und allen Formalitäten unterstützen.

Und weil wir uns schon fast sicher waren, dieses Haus zu kaufen, hatte ich der Besitzerin des zweiten Hauses gesagt, wir würden zwar sehr gerne zum Kaffee kommen und uns alles anschauen, aber vermutlich nicht kaufen. (Ein großer Fehler, wie sich bald herausstellte)

Was Bilder verschweigen und die Realität ans Licht bringt

Überpünktlich kamen wir bei dem ersten Haus unserer Wahl an. Der Herzmann frohlockte beim Anblick der (ich sage mal freundlich) Hütte und freute sich uneingeschränkt auf alles, was da jetzt kommen möge. Ich wollte nur eins, nämlich ganz schnell ganz weit WEG…

Schon beim Einfahren in die Straße kroch es mir den Rücken hinauf und das war keine positive, aufgeregte Gänsehaut. Ich sah gegenüber ein Messigrundstück mit Autowracks, Sperrmüll und Dingen, die ich nicht in meiner Nähe haben möchte. An den hinteren Teil des Grundstücks grenzte ein völlig verwahrlostes Stück Land mit einer uralten Holzhütte darauf und einigen undefinierbaren Müllhaufen.

Erst einmal sage ich NICHTS, wollte ich doch nicht der Spielverderber sein und dem Herzmann alles verderben, nur weil ich vielleicht etwas mimosig daher kam. Wir umrundeten das „Gehöft“ also noch einmal zu Fuß mit Amy an der Leine (die übrigens auch nicht voller Begeisterung die Umgebung erkundete). Wenn ich etwas Nettes sagen wollen würde, könnte ich behaupten, der Garten war ganz nett, aber auch das wäre  maßlos übertrieben. Immerhin der Holzzaun war neu und gepflegt!

Der Herzmann fragte ängstlich, ob wir denn jetzt gar nicht nach Dänemark ziehen würden, wenn wir dieses Haus nicht kaufen. Er beschwor mich, dem Ganzen eine echte Chance zu geben. Ich war den Tränen nahe und sah mich schon die nächsten Jahre in Dänemark traurig und gebrochen dahin siechen. Gefangen an einem Ort, an dem ich nicht sein wollte.

Dann kam die Maklerin, parkte in sicherer Entfernung von uns (vermutlich wollte sie sich den Fluchtweg offen lassen, weil sie fürchtete körperliche Repressalien nach der Besichtigung des Hauses davon zu tragen), stieg aus und wartete bis wir bei ihr waren. Mein freundliches Hej erwiderte sie kaum, klärte uns dafür aber auf, dass der Hund im Auto bleiben müsse, weil die Mieter eine Katze hätten. Welche Mieter???? Ja, das Haus sei bewohnt, aber das wäre ja wohl kein Problem. Da könnte man ja eine Kündigung aussprechen. 

Im Kopf fügte ich meiner To-Do-Liste einen Schnellkurs in dänischem Mietrecht hinzu…

Schnellen Fußes eilte sie zur Haustür, schloss das Objekt auf, spähte hinein, ob der Stubentiger sich irgendwo befand und winkte uns heran. „You can come in, the cat is not here.“ Na dann, wollen wir mal…

Beim Eintreten bemerkte ich die Katze sofort, nicht physisch aber geruchstechnisch war sie sehr präsent. Genau genommen stank es erbärmlich nach Katzenklo. Der Herzmann verzog die Nase, betrat aber mutig und entschlossen das Domizil. 

Was ein guter Fotograf so ausmacht… Die Fotos waren vielversprechend, die Realität war es nicht. Kleine Räume, die auf Bildern großzügig wirkten, niedrige Decken, die im Internet Altbaucharme vorgaukelten, in Wirklichkeit aber hätte der Herzmann ohne Leiter eine Glühbirne wechseln können. Knarrende Dielen, von altem schlecht verlegten Laminat und eine Designerküche aus dem Jahr 1986.

Das erste „Badezimmer“ hatte den Gasbrenner in der Dusche und man konnte bequem die Haare im Waschbecken waschen, wenn man auf Toilette saß. Von dem Bad on Suite möchte ich hier gar nicht berichten, weil ich bereits die Herpesbläschen an der Lippe spüre, wenn ich nur daran denke.

Immerhin war das Wohnzimmer einigermaßen geräumig und da waren auch ein Kamin und der Wintergarten. Ein klitzekleines „Ach, wie hübsch“ wollte sich gerade breit machen und ich nutzte das hyggelige Gefühl, um einige detaillierte Fragen zu stellen. Wie alt ist die Heizung? Was ist mit den Strom- und Wasserleitungen? Große Augen, Schulterzucken, ein gemurmeltes „Woher soll ich das wissen? Funktioniert aber alles.“ und die Hygge-Stimmung war weg. Eine elementare Info aber hatte sie zumindest noch für uns, der Kamin müsse innerhalb von sechs Monaten ersetzt werden, weil die Betriebserlaubnis erloschen sei. 

Zwischenzeitlich kam der Herzmann etwas verstört aus dem Wintergarten und brachte unzusammenhängende Sätze hervor. Ich verstand vor allem zwischen „total morsch, übersteht den nächsten Sturm nicht… ICH WILL HIER RAUS!“ Offensichtlich reichte das Deutsch der Maklerin, um diesen Teilsatz zu verstehen, denn sie drehte sich um, ging zielstrebig zur Tür und bemerkte dabei: „Das ist das, was Sie für diesen Preis in Dänemark bekommen.“ Dann komplementierte sie uns wortlos aus dem „Haus“.

Ich nahm dieses Angebot gerne an, der Herzmann auch und weil ich höflich erzogen wurde, bedankte ich mich noch für ihre Zeit und wünschte ein schönes Wochenende. Da saß sie aber bereits im Auto und fuhr die Auffahrt hinunter.

Hausbesichtigung - die Zweite

So standen wir da allein vor der Bruchbude. Noch etwas benommen von dem betäubenden Geruchsabenteuer und sogen begierig die frische Luft ein.

Innerlich frohlockte ich, kein zukünftiges Dahinsiechen in einem fremden Land und kam der Bitte des Herzmannes, sofort die Besitzer des zweiten Hauses anzurufen und zu sagen, wir kaufen das Haus, egal was komme, gerne nach.

Okay, ich formulierte etwas um und fragte, ob wir vielleicht vorbeikommen dürften, um uns das Haus jetzt doch anzuschauen. Natürlich durften wir, sie seien zu Hause, Kaffee wäre gerade frisch gekocht und sie freuen sich, wenn wir jetzt kämen.

Zehn Minuten später sprang mein Herz vor Freude, als ich „unser“ Haus beim Einfahren in das Dorf erspähte. Diesen ersten Blick werde ich wohl nie vergessen. Es war, als ob es uns zugewinkt und schelmisch mit einem (nicht vorhandenen) Rolladen geblinzelt hätte, als würde es rufen „da seid Ihr ja endlich, ich freue mich auf Euch. Lasst uns eine schöne gemeinsame Zeit haben.“

Schon beim Parken wurden wir herzlich von den Eigentümern empfangen und begrüßt. Beim Öffnen der Tür wehte uns Kaffeeduft entgegen und es sah genauso aus wie auf den Bildern.

Das Haus war liebevoll und detailreich im Landhausstil eingerichtet. Es war sauber und ordentlich und rief aus allen Ecken „Herzlich Willkommen“. Ich fühlte mich sofort wohl und war gedanklich schon im Gestaltungs- und Einrichtungsmodus.

Einige Räume waren klein, das hatte ich auf dem Grundriss schon gesehen, aber durchaus für meine Ideen nutzbar. Hier und da gab es Renovierungsbedarf, aber in normalem Rahmen und bisher habe ich jedem neuen Domizil mit mehr oder weniger Aufwand unsere persönliche Note verliehen.

Aber im Gegensatz zu Haus Nummer eins ging es hier nicht um eine Kernsanierung (eher Teilabriss), sondern um Farbe, Tapeten und Spachtelarbeiten. Okay, Küche und Badezimmer waren mit mehr Arbeit verbunden, aber auch damit konnte ich leben.

Die Grundsubstanz war gut. Keine Feuchtigkeit, Heizungsanlage neu und nahezu wartungsfrei (weil Fernwärme), Fenster auf dem neuesten Stand, Dach zwar älter aber dicht und in gutem Zustand, der Garten gepflegt.

Es fühlte sich gut an durch die Räume zu gehen und mein Energiebarometer befand sich im absolut grünen Bereich. Damit meine ich nicht den Energielevel des Hauses, sondern mein Feng Shui Empfinden. Mir ist es sehr wichtig, wie ein Raum oder Haus auf mich wirkt, welche Schwingungen ich wahrnehme und ob ich Unstimmigkeiten in dem Energiefluss spüren kann. Hier fühlte sich alles stimmig an, also kein Unbehagen beim Betreten des Hauses oder einzelner Bereiche.

Der Herzmann strahlte über das ganze Gesicht, ließ sich technische Details erklären und war bereits dabei mit dem Hausherrn ein Datum für die Hausübergabe zu finden.

Amy lag im Wohnzimmer auf dem Rücken und verzog die Lefzen zu einem breiten Grinsen. Ich genoss die Aussicht über das angrenzende Feld, freute mich über banale Dinge wie den kleinen weißen Gartenzaun und hatte gedanklich die Küchenplanung abgeschlossen.

Bei Kaffee und Kuchen an der liebevoll gedeckten Kaffeetafel bemerkten wir schnell die Sympathie zwischen uns und der Verkäuferfamilie. Wir stellten gefühlt tausend Fragen zu Haus und Grundstück, erläuterten mögliche Bestimmungen für den Hauskauf, lauschten Erfahrungsberichten von ihrem Leben in Dänemark und dem kleinen Dorf im Besonderen.

Die Entscheidung

Es ging schon lange nicht mehr darum, ob wir nach Dänemark auswandern sollen, sondern ganz gezielt um das wann. Welches Haus wir nehmen würden, war mittlerweile ohnehin klar. 

Bevor wir jedoch eine ganz eindeutige Kaufabsicht verlauten ließen, wollte ich noch einmal über alles schlafen. Dem Herzmann hätte man einen Vertrag vorlegen können, er hätte alles unterschrieben… Ich auch!

Aber so ganz wollte ich mich nicht der Euphorie hingeben und alles andere über Bord werfen. So blöd es sich anhört, es ging mir zu schnell. Nicht das Finden des Hauses, nicht die Entscheidung nach Dänemark zu gehen. Ich wollte in Ideen schwelgen, den Augenblick auskosten, abends in der Ferienwohnung sitzen und ganz viel darüber sprechen. Mir quasi die Freude einer endgültigen Entscheidung auf der Zunge zergehen lassen.

Wir verließen also unsere neuen Bekannten und unser zukünftiges Heim mit dem sicheren Gefühl, bald hier zu leben und Grundbesitz zu haben. Zum Abschied versprachen wir, uns innerhalb von zwei Tagen zu melden, ob wir das Haus kaufen würden und der Bitte, vorher an niemand anderen zu verkaufen. 

Unser Ferienhaus befand sich nur wenige Minuten entfernt, aber jeder Meter, den wir uns entfernten kam mir vor, wie eine unendliche Distanz. Am liebsten hätte ich sofort angefangen Maße zu nehmen, Farben auszusuchen, Vorhänge zu nähen, Tapeten abzureißen…

Im Auto herrschte zunächst gespenstische Stille, keiner sagte ein Wort und selbst der Hund schien die Luft anzuhalten. An der nächsten Kreuzung sahen wir uns an und sagten beide ohne Nachzudenken „JA!“ Genau genommen, war es fast ein Schrei der Erleichterung von jedem von uns (Amys Beitrag kam als freudiges Quietschen).

Wir redeten gleichzeitig durcheinander, wiesen jeder auf unterschiedliche Dinge hin, die wir gesehen hatten, lachten und waren total aus dem Häuschen (im wahrsten Sinne des Wortes). Mehrfach fragte der Herzmann, ob wir das jetzt wirklich machen und ob wir tatsächlich bald in Dänemark leben würden. Ich bejahte jede einzelne Frage mit headbangerartigem Kopfnicken. Es war ein fast kindliches, ausgelassenes Glück, was uns erfasste und nicht mehr los ließ.

Im Ferienhaus angekommen, versuchten wir etwas zur Ruhe zu kommen und versanken in fast meditativer Planung der einzelnen kommenden Schritte. Ich verfasste eine WhatsApp an die Hausbesitzer, formulierte unendliche Male um und blieb schließlich bei einem Satz. WIR KAUFEN EUER HAUS. Die Nachricht speicherte ich ab und wollte sie am nächsten Morgen abschicken. Bloß nichts überstürzen… Um 00.01 Uhr drückte ich auf Senden, genug nachgedacht und es war ja jetzt auch schon der nächste Tag und überhaupt…

Die Antwort kam sofort: „Wir freuen uns so! Kommt Ihr nachher zum Kaffee?“

Wir hatten jetzt also ein Haus gekauft und die Veränderung war nicht mehr aufzuhalten. Es fühlte sich unglaublich gut und richtig an. Alles passte zusammen und wir hatten keinerlei Zweifel das Richtige zu tun.

Ich glaube ganz fest an Schicksal und Vorbestimmung. Und hier kam einfach alles zusammen. Es schien, als hätte dieses Haus auf uns gewartet. Alle Interessenten vor uns hatten es auf wundersame Weise nicht geschafft, die Termine wahrzunehmen. Mal aus Krankheitsgründen, einem Bahnstreik in Deutschland, ausgefallene Flüge oder andere Widrigkeiten verhinderten die Besichtigungen. Nach uns hatten sich zwei Familien angekündigt, die jetzt nicht mehr die Möglichkeit erhielten, das Haus zu sehen. Denn, es gehörte uns!!!!!!

Am nächsten Morgen rief unsere Vermieterin aus Deutschland an, um zu fragen, ob wir uns um ihre Post kümmern könnten, wenn sie in den Urlaub fahren. Ich sagte zu und gleichzeitig teilte ich ihr mit, dass wir leider unsere Wohnung kündigen müssten, weil wir nach Dänemark auswandern. Das war das erste Mal, dass ich es aussprach und mir schien es, als würde es dadurch erst real werden. Ein unglaublich gutes Gefühl!

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